Beispielarbeiten

 

Auf der Suche nach Weiblichkeit

Geschlechterkonstruktionen bei Angela Carter

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

1. Einleitung............................................................................................................................S. 3

2. Vor dem Spiegel...............................................................................................................S. 11

3. Entdeckungsreise in Trance..............................................................................................S. 19

4. Eine andere Sprache..........................................................................................................S. 25

Austausch..................................................................................................................S. 39

5.Die künstliche Nacht..........................................................................................................S. 47

6. Unter Wölfen....................................................................................................................S. 58

7. Unsere kleine Republik.....................................................................................................S. 64

8. Ausleitung.........................................................................................................................S. 70

9. Literaturverzeichnis..........................................................................................................S. 73

 

1.     Einleitung

 

„Unbidden, she comes“, so lautet der letzte Satz des Romans The Infernal Desire Machines of Dr Hoffman . Und nicht von ungefähr wird er gelegentlich auch auf seine Verfasserin selbst bezogen. Angela Carter war eine unbequeme Autorin; unbequem war ihr die Welt und unbequem ist sie für ihre Leserschaft. Sie läßt sich nicht einordnen. Sie macht Grenzen bewußt, indem sie sie überschreitet. Ihre Texte zeichnen sich dadurch aus, daß sie andere Texte, Theorien, Klischees und kulturelle Konventionen andeuten, zitieren oder zur Grundlage nehmen. Dieser Subtext wird dann in Frage gestellt, manchmal neu interpretiert oder ad absurdum geführt. Trotzdem ist es auch ohne die Kenntnis dessen, auf das der Text da anspielt, möglich, die Romane Angela Carters ‚einfach so’ zu genießen, mit ihren Figuren zu fühlen, ihre skurrilen Welten zu erkunden und vielleicht etwas davon zu ahnen, warum jemand diese Werke geschrieben hat und warum man sie jetzt liest. Ohne etwas über die Autorin zu wissen, ohne die Intertextualität durchdringen zu können, mag man fasziniert sein von der Entwicklung einer Figur, der Beschreibung eines Ortes, der Dynamik einer Beziehung, der Idee, nichts als selbstverständlich oder natürlich hinzunehmen. Zuallerletzt die eigene Identität und den Begriff der Identität überhaupt. Immer wieder erweisen sich Verhalten, Empfinden und Erleben als kulturell und gesellschaftlich vorgeprägt. Vor allem gilt dies bezogen auf Geschlechtsidentitäten. Menschen treffen auf Vorstellungen von ‚Männlichkeit’ und ‚Weiblichkeit’, die sie zwingen, sich einzuordnen, anzupassen, abzugrenzen.

In vielen Texten von Angela Carter tauchen Frauen auf, deren Entwicklung vom Kind zur Erwachsenen beschrieben wird. Sie sind auf der Suche; auf der Suche nach sich selbst, nach Weiblichkeit, nach ihrem Platz in der Welt, nach Lebensformen, in denen sie glücklich sein können. Auf ihrem Weg liegt die Begegnung mit Selbstbildern und Fremdbildern, mit ihrem eigenen Körper, mit Sexualität und Mutterschaft. Sie finden sich in einem System vor, das weitgehend von patriarchalen Strukturen bestimmt ist, in dem Männer Macht über sie ausüben. Sie stellen sich den Fragen nach Authentizität und Tradition, Selbstverwirklichung und Verantwortung, Stabilität und Freiheit. Manche von Carters ‚Heldinnen’ haben die Machtverhältnisse, in die sie hineingeboren wurden, verinnerlicht und leben nach den Rollen und Mustern, die ihnen beigebracht wurden. Andere wagen es, sie zu hinterfragen, eine Gegenposition einzunehmen oder gar ganz außerhalb des Systems zu denken. Dadurch bieten sie dem Leser/ der Leserin nicht ohne weiteres die Möglichkeit, sich mit ihnen zu identifizieren. Es sind unbequeme Texte wie ihre Autorin, und möglicherweise machen sie auch ihre Leser zu unbequemen Menschen im oben genannten Sinne.

Angela Carter wurde am 8. Mai 1940 in Eastbourne, Sussex, England geboren. Ihr Vater war ein schottischer Journalist, der in London arbeitete. Während des Zweiten

Weltkrieges lebte sie bei ihrer Großmutter in South Yorkshire. Nachdem sie zu ihrer Mutter zurückgekehrt war, litt sie an Magersucht. Mit 19 Jahren begann sie für den „Croydon Advertiser“ zu arbeiten. Im Jahre 1960 heiratete sie Paul Carter und nahm ihr Studium der Anglistik in Bristol auf. Nach dessen erfolgreichem Abschluß begann sie ihre literarische Karriere. 12 Jahre später ließ sie sich von ihrem Mann scheiden und ging für zwei Jahre nach Japan. Später war sie Dozentin an verschiedenen amerikanischen, australischen und englischen Universitäten. 1977 heiratete sie Mark Peace, mit dem sie ein Kind hatte. Angela Carter starb am 16. Februar 1992 an Krebs. Zu ihren literarischen Werken zählen mehrere Romane, Kurzgeschichten, Übersetzungen, journalistische Arbeiten, Hörspiele und Essays.

In der vorliegenden Arbeit werden folgende ihrer Werke als Grundlage herangezogen: Shadow Dance (1966), The Magic Toyshop (1967), Heroes and Villains (1969), The Infernal Desire Machines of Dr Hoffman (1972), The Passion of New Eve (1977),Nights at the Circus (1984), Wise Children (1991) und The Bloody Chamber and Other Stories (1979).Diese Auswahl begründet sich dadurch, daß eine Untersuchung des Gesamtwerks Angela Carters aufgrund dessen Umfang die Konzentration auf die hier zu betrachtenden Themen unnötig erschweren würde. Darum wurden nur die Texte aufgenommen, bei denen tatsächlich die Suche nach Weiblichkeit und die Konstruktion von Geschlechtern im Mittelpunkt stehen. Persönliche Sympathien und Antipathien zu dem einen oder anderen Buch sollen dabei nicht geleugnet werden.  

Der Roman Shadow Dance erzählt die Geschichte von Morris und seiner Frau Edna, seinem Freund Honeybuzzard und dessen Freundin Emily sowie von Ghislaine, die von Honeybuzzard verstümmelt und schließlich ermordet wird. Die drei Frauen verkörpern drei verschiedene Arten, Weiblichkeit zu leben. Edna ist eine Nestbauerin; sie sehnt sich danach, Kinder zu bekommen und andere zu umhegen, darum nimmt sie sich auch am Ende des einsamen Henry Glass an, der gerade seine Frau verloren hat, und empfindet selbst noch Mitgefühl für die Frau, mit der Morris sie betrügt. Emily ist eine selbstbewußte junge Frau, die ihr Leben selbst bestimmt. Sie entscheidet, wen sie in ihrer Nähe zulassen will, sei es, daß es um Partnerschaft, sei es, daß es um das Kind geht, das sie erwartet. Ghislaine schließlich ist eine zwiespältige Figur. Auf der einen Seite wirkt sie auf Männer bedrohlich, zieht sich aufreizend an und  lebt ihre Sexualität sehr frei, auf der anderen Seite verhält sie sich Honeybuzzard gegenüber unterwürfig und läßt alles mit sich machen. Männlichkeit und Sexualität sind in dem Roman mit Gewalt, Macht und Rücksichtslosigkeit verbunden.

            Im Mittelpunkt von The Magic Toyshop steht die 15-jährige Melanie. Sie lebt mit ihren Eltern, ihren kleineren Geschwistern Jonathon und Victoria und der Haushälterin Mrs Rundle in sehr guten Verhältnissen, bis ihre Eltern bei einem Flugzeugunglück ums Leben kommen. Die drei Kinder werden zu ihrem Onkel Philip nach London geschickt, wo er ein Spielzeuggeschäft führt. Außerdem leben im Haus seine stumme Frau Margaret und deren beiden jüngeren Brüder Francie und Finn, die aus Irland stammen. Onkel Philip ist ein Tyrann, der seine Familie mit physischer und psychischer Gewalt beherrscht. Zwischen Melanie und Finn entsteht eine sehr zerbrechliche Freundschaft mit einem ersten Kuß. Melanie muß in dem Puppentheater ihres Onkels eine lebendige Marionette in dem Stück „Leda und der Schwan“ spielen, was einer symbolischen Vergewaltigung gleichkommt. Als Philip schließlich eines Tages außer Haus ist, feiert die Familie ausgelassen. Plötzlich kommt der Onkel zurück und entdeckt das inzestuöse Verhältnis seiner Frau mit Francie, woraufhin er das Haus in Brand steckt. Finn und Melanie fliehen gemeinsam. Angela Carter zeichnet in diesem Buch das Erwachsenwerden Melanies nach, mit all ihren Erwartungen, ihrer neu entdeckten Körperlichkeit und Sexualität, ihren Zukunftsängsten und Enttäuschungen.

            InHeroes and Villains wird die Welt nach einer schrecklichen Katastrophe beschrieben. Sie ist in drei Gruppen aufgeteilt: die Städte der Professoren, die die westliche Kultur und Wissenschaft bewahren, die Stämme der ‚Wilden’ und die bis zur Unmenschlichkeit deformierten ‚Out People’. Marianne, die Tochter eines Geschichtsprofessors, flieht eines Tages nach einem Angriff der ‚Wilden’ mit einem von ihnen, Jewel, zu seinem Stamm. Dort lebt sie mit seinen Brüdern, Mrs Green und vielen anderen unter der Leitung von Dr Donally, einem ehemaligen Professor, der seine eigene Religion für den Stamm entworfen hat. Nachdem Jewel sie vergewaltigt hat, muß Marianne ihn heiraten und empfängt später auch ein Kind von ihm. Hier ist es vor allem die Frage nach der Gültigkeit von kulturell überkommenen Werten und Normen, die Angela Carter diskutiert. Marianne wechselt von einer Welt in eine andere und verliert jegliche Orientierung, sie weiß nicht, wer die „Heroes“ und wer die „Villains“ sind. Ein wichtiger Aspekt bei ihrer Suche nach haltgebenden Regeln ist der der Sexualität.

            The Infernal Desire Machines of Dr Hoffman ist die Geschichte eines Krieges zwischen dem diabolischen Dr Hoffman, der die Gesetze der Vernunft außer Kraft setzen und die Realität durch Träume ersetzen will, und Desiderio, dessen Aufgabe es ist, die Menschheit zu retten. In seiner Jagd auf den Gegner begegnet Desiderio einem Flußvolk, einer Herde von Zentauren, einem sado-masochistischem Grafen, einem Zirkus, Albertina, der Tochter des Doktors, in die er sich verliebt, und vielen anderen skurrilen Gestalten. Immer geht es um die Unterscheidung zwischen Rationalität und Animalität, Realität und Illusion, Bedürfnissen und Begehren.

            Der Roman The Passion of New Eve handelt von Evelyn, der von England nach New York reist, um dort als Universitätsdozent zu arbeiten. Er lernt Leilah kennen, sie wird schwanger von ihm und kommt bei der Abtreibung des Kindes beinahe ums Leben. Evelyn fährt allein in die Wüste und wird von einer Gruppe Amazonen gefangen genommen, die in der unterirdischen Stadt Beulah leben. Ihr Oberhaupt ist eine selbsternannte Göttin, die sie ‚Mutter’ nennen. Evelyn wird nach ihrem Plan zu einer Frau umoperiert und heißt fortan Eve. Es gelingt ihr, aus Beulah zu fliehen, doch sie fällt in die Hände von Zero, der sie in seinen Harem einreiht. Zero haßt Frauen, vor allen Dingen aber die Schauspielerin Tristessa, die Evelyn immer bewundert hat. Schließlich bricht Zero mit seinen Frauen auf, um Tristessa zu vernichten, kommt dabei aber selber ums Leben. Tristessa erweist sich als ein Mann, der sich immer als Frau ausgegeben hat, und Eve und Tristessa verlieben sich ineinander. Anhand dieser Figuren macht Angela Carter deutlich, wie Männlichkeit und Weiblichkeit von der Tatsache des biologischen Geschlechtes zu trennen sind. Sie zeigt, daß geschlechtsspezifisches Verhalten ein Produkt unserer Sozialisation und eine zweigeteilte Geschlechterordnung nicht aufrechtzuerhalten ist.

            Die Hauptfigur in Nights at the Circus ist eine junge Frau mit angewachsenen Flügeln, die Fevvers heißt. Sie wächst in einem Bordell unter der Obhut ihrer mütterlichen Freundin Lizzie auf. Nach einem kurzen Zwischenspiel in Madame Schrecks „Museum of women monsters“ wird sie Trapezkünstlerin bei einem Zirkus. Als solche lernt sie der Journalist Jack Walser kennen. Er reist mit dem Zirkus nach Sibirien, wo die Truppe durch ein Zugunglück auseinandergerissen wird. Während Fevvers mit einigen anderen in die Gewalt von Freischärlern fällt, gelangt Walser, der Verstand und Gedächtnis verloren hat, zu einem Schamanen. Schließlich finden sich die beiden wieder. Am Ende ist jedoch nicht klar, was von ihrer Geschichte, die Fevvers dem Journalisten erzählt hat, wahr ist und was erfunden.

            Der letzte Roman Angela Carters, Wise Children, erzählt die Geschicke der Familien Hazard und Chance aus der Sicht von Dora Chance. Er ist angefüllt von Theater, Zwillingspaaren, verheimlichten und verwechselten Identitäten. Gleichzeitig ist er ein Rückblick auf ein Jahrhundert der Geschichte des Showbusiness.

            Der Band The Bloody Chamber and Other Stories enthält zehn neue Versionen von alten Märchen, unter anderem von Blaubart, Die Schöne und das Biest und Rotkäppchen. Angela Carter nimmt die bekannten Stoffe auf, parodiert sie, holt die ihnen zugrundeliegende Moral zum Vorschein und dreht sie um. In Bildern von (Wer-)Wölfen und maskierten Tigern, unerschrockenen Mädchen und mit ihnen handelnden Vätern stellt sie eine Sexualität dar, die sich ihrer Vermischung von Echtheit und Künstlichkeit bewußt wird und aus diesem Bewußtsein heraus versucht, sich zu wandeln und zu befreien.

            Geschlechterkonstruktionen sind ein zentrales Thema in Angela Carters Werk. Um sich ihren Gedanken nähern zu können, ist es hilfreich, einige grundlegende Theorien aus dem Bereich der Geschlechterforschung zu kennen. Allgemein verbreitet ist heute die Annahme, daß das biologische Geschlecht (‚sex’) von dem kulturellen Geschlecht (‚gender’) zu trennen sei. Das biologische Geschlecht selbst ist allerdings keineswegs so eindeutig, wie man vermuten könnte.

„Gerade die Biologie mit der exakten, naturwissenschaftlichen Methodik, zeigt uns, wie vielfältig die Erscheinungsformen weiblicher und männlicher Individuen und wie fließend die Übergänge von Frau zu Mann sind“.

 

‚Sex’ ist jedoch nicht ausschließlich eine biologische Kategorie. Kulturelle Gegebenheiten schreiben sich in den Körper ein und formen ihn. ‚Gender’ wird definiert als  „die Summe aller Vorstellungen und Erwartungen, die eine Gesellschaft jeweils mit ‚Weiblichkeit’ und ‚Männlichkeit’ verbindet“.Diese Geschlechterkonzepte werden solchermaßen verinnerlicht und Teil der Identität, daß sie den Körper, das Denken, Verhalten und Empfinden bestimmen. Neben der unbewußten und automatisierten Übernahme von Mustern steht das bewußte Ausleben einer Rolle (‚doing gender’),

„die Leistungen der Akteure in spezifischen Kontexten [...], mit diesen sozialen Erwartungen umzugehen, indem sie übernommen, umgestaltet, modifiziert, unterwandert werden oder was auch immer“.

 

Im Geschlechterdiskurs geht es also darum, daß eine Ordnung aufgestellt wird, die als natürlich erscheint (z.B. in der Behauptung, es gebe nur zwei Geschlechter), um so den Herrschafts- und Machtcharakter einer solchen Klassifikation zu verschleiern. Dagegen stehen andere Modelle, die fließende Übergänge und Vermischung zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit zulassen, wie zum Beispiel die Vorstellung von cross-gender-Persönlichkeiten. Kulturell aufgestellte Ordnungen werden vom Einzelnen naturalisiert, verinnerlicht und ausgeprägt (‚Genderisierung’). Um solche Hierarchien außer Kraft zu setzen, ist es notwendig, sich ihres Einflusses auf die eigene Identität bewußt zu werden und gleichsam spielerisch damit umzugehen. Obwohl es unumgänglich erscheint, irgendeine Rolle annehmen zu müssen, ist es dennoch im Bereich der eigenen Entscheidung, verschiedene Rollen auszuprobieren und zu wählen.

Auch Angela Carters Texte zeigen, daß ‚sex’ und ‚gender’ nicht unbedingt übereinstimmen, männlich und weiblich nicht identisch sein müssen mit maskulin und feminin. Sie plädieren dafür, das Anderssein des Anderen zu akzeptieren, ohne die traditionelle Geschlechterteilung zu übernehmen. „As difference is for Carter […] embodied in each sex, her work often implies that there might be a far greater range of gender possibilities and constellations than the mundane fiction of Man and Woman”.Angela Carters Texte zeigen auf literarische Weise, was die Frauen- und Geschlechterforschung in ihren Theorien darlegt. Trotzdem ließ sich Angela Carter nicht in die feministischen Reihen ihrer Zeit einreihen. Während Feministinnen damals noch vielfach damit beschäftigt waren, das ‚Wesen der Frau’ zu ergründen und das ‚Wesen des Mannes’ zu verteufeln, dachte sie über die dualistische Ordnung hinaus und nahm damit den Schritt von der Frauen- zur Geschlechterforschung voraus, der darin besteht, sich der Konstruktion und Repräsentation von Geschlecht überhaupt zuzuwenden. Ihre weiblichen Figuren sind nicht einfach Opfer eines männlichen patriarchalen Systems, sondern selber Trägerinnen jenes Systems.

            Der Titel der vorliegenden Arbeit ist „Auf der Suche nach Weiblichkeit. Geschlechterkonstruktionen bei Angela Carter“. Er enthält Folgendes: Eine Suche ist eine Bewegung, die ein Ziel vor Augen hat, es aber noch nicht erreicht hat. Dies gilt auf zwei Ebenen: Zum einen sind es Angela Carters Figuren, die auf der Suche sind. Sie sind keine fertigen Charaktere, sie verändern und entwickeln sich, sie sind widersprüchlich und nicht alles ergibt einen Sinn. Zum anderen kann man all dies auch auf die Arbeit selbst beziehen. Das Ziel der Suche wird hier in den Begriff ‚Weiblichkeit’ gefaßt. Das Wort wirft Fragen auf. Was bedeutet es? Was für eine Art von Kategorie bezeichnet es? Als eine erste Annäherung an das Wort soll hier nur gesagt sein, daß es sich um die Suche nach einer Identität, besonders einer Geschlechtsidentität handelt. Was bedeutet es für die Figuren, einen weiblichen Körper zu haben? Was bedeutet es für sie, mit Erwartungen an sie als Frau konfrontiert zu werden? Zugleich ist hier eine Beschränkung ausgedrückt: Es wird im Folgenden nicht, oder doch nur am Rande, um ‚Männlichkeit’ und männliche Figuren gehen. In Anbetracht des weiter oben Gesagten ist jedoch der Begriff „Geschlechterkonstruktionen“ im Titel so zu verstehen, daß es nicht darum gehen kann, eine irgendwie geartete Essenz des Frauseins entdecken zu wollen. Vielmehr soll untersucht werden, wie Maskulinität und Femininität dargestellt und konstruiert werden und wie diese Kategorien in einzelnen Personen realisiert werden. Schließlich besagt der Zusatz „bei Angela Carter“, daß die vorliegende Arbeit sich sehr nahe an ihre Primärtexte halten will. Als literaturwissenschaftliche Aussage möchte sie ihr Material ernst nehmen und es nicht dazu gebrauchen, Theorien zu untermauern, sondern im Gegenteil die Theorie zu Hilfe nehmen, um besser zu verstehen, was es in der Literatur zu entdecken gibt.

            Die Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel, die wie die Episoden in einem pikaresken Abenteurroman in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können (was Ähnlichkeiten in Bezug auf Abenteuerlichkeit und Schalk nicht ausschließen soll). Die einzelnen Abschnitte befassen sich mit unterschiedlichen Facetten der Suche nach Weiblichkeit, denen Angela Carters Protagonistinnen begegnen: die Reflexion im Spiegel und in den Augen anderer („Vor dem Spiegel“), die Wahrnehmung des eigenen Körpers („Entdeckungsreise in Trance“), das Erleben von Sexualität („Eine andere Sprache“), die Konfrontation mit Mütterlichkeit und Mutterschaft („Die künstliche Nacht“), das (Über-) Leben im Patriarchat („Unter Wölfen“) und die Utopie von „weiblichen Lebensformen“ („Unsere kleine Republik“). Dazwischen findet sich sozusagen als Exkurs ein fiktives Gespräch („Austausch“) zwischen Angela Carter, Judith Butler und einigen der Romanfiguren, in dem ausgesprochene oder auch unausgesprochene theoretische Hintergründe beleuchtet werden. Angela Carters intensive Beschäftigung mit Mythen, die sie als „consolatory nonsense“ und „false universals“ bezeichnet,und mit Märchen regten mich dazu an, auch ein Märchen in meine Arbeit einzuflechten. Unter den vielen Märchen, die thematisch hierher passen würde, wählte ich „Das häßliche Entlein“.Zwar ist es ein Kunstmärchen, aber Angela Carter selbst hat diese Gattung nicht ausgeschlossen (siehe „Die Schöne und das Biest“), und sein Verfasser Hans Christian Andersen baute in seine Werke Rollenentwürfe, wechselnde Zuschreibungen von Geschlechterrollen, Verkleidungs- und Maskierungsszenen ein. „Das häßliche Entlein“ ist eine Geschichte von der Suche nach der eigenen Schönheit, nach einer Identität und einem Platz in der Welt. Der Leser/ die Leserin möge es als Platz zwischen den wissenschaftlichen Kapiteln betrachten, ein Platz zum Innehalten, Perspektivenwechsel und märchenhaftem Wünschen.

 

 8. Ausleitung

 

„Unbidden, she comes“ stand am Anfang der vorliegenden Arbeit, was sich sowohl auf die Autorin, als auch auf ihre Figuren beziehen kann. Wie das ‚häßliche Entlein’ sind sie auf der Suche nach sich selbst, nach der ihnen eigenen Form von Geschlechtsidentität und von Beziehungen. Ghislaine wird zur ‚femme fatale’, die ihre Schönheit nutzt, um Männer zu verführen, sich aber letztendlich bis zur Verstümmelung und Ermordung hingibt. Edna ist der Typus der selbstaufopfernden Ehefrau, immer sehnsüchtig auf Objekte für ihre mütterliche Sorge wartend. Emily steht für eine Generation von Frauen, die sich von Traditionen emanzipieren und selbstbewußt und unabhängig ihr Leben gestalten wollen. Mit Melanie wird eine junge Frau in ihrem Prozeß des Erwachsenwerdens beschrieben, in dem sie sich mit Körperlichkeit und Sexualität wie auch mit Rollenerwartungen auseinandersetzt. Dahingegen wird mit ihrer Tante Margaret eine Frau in innerer Emigration vor dem ‚Patriarchen’ dargestellt. Anhand der Figur Mariannes zeigt Angela Carter die Grenzüberschreitung eines Menschen, der sich zwischen verschiedenen Kulturen bewegt und konfrontiert mit vielfältigen Diskursen zu Authentizität und Autonomie zu gelangen sucht. An Eve macht sie deutlich, daß Geschlechterordnungen und –identitäten grundsätzlich konstruiert sind. Fevvers verkörpert den Zwiespalt zwischen der Utopie einer beflügelten ‚Neuen Frau’ und dem Trugbild einer selbstkreierten Existenz. Die Märchenfrauen Angela Carters bewegen sich zwischen handeltreibenden Vätern und sich verwandelnden Männern und sind selber eine Art ‚Heldinnen im Wandel’.

            Von den Facetten ihrer Suche nach Weiblichkeit wurden hier nur einige aufgegriffen, die sich durch Angela Carters ganzes Werk ziehen. Da ist das Spiegelmotiv, das immer wieder auftaucht und als Bild für Selbstreflexion und für Identitätsfindung dient. Der Schauende spaltet sich gleichsam in ein empfindendes und ein betrachtetes Ich, und in seinem Spiegelbild nimmt er die Kultur wahr, die sich in seinen Körper eingeschrieben hat.

Der Körper selbst ist ein Kristallisationspunkt für die konstruierte Identität. An ihm werden selbstgewählte und vorgeschriebene Rollen und Muster sichtbar. An ihm wird festgemacht, ob ein Mensch als Mann oder Frau betrachtet wird. In der Körperlichkeit konkretisieren sich Antworten auf Fragen wie „Wer bin ich?“, „Was bedeutet es für mich, eine Frau zu sein?“ oder „Wie will ich mit anderen Menschen leben?“

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Sexualität. Hier geht es darum, wie Sexualität darstellbar ist, wie auch diese von Konventionen und Klischees geprägt ist und wie sie davon befreit werden kann. Normierte Vorstellungen von Aktivität und Passivität, Jäger und Beute, Begehren und Begehrtwerden werden umgekehrt und durcheinander gebracht. Außerdem wird die Entdeckung und Entwicklung der Sexualität von der kindlichen Neugier, dem Jungfrauen-Mythos bis hin zu Erfahrungen von Lust, Erfüllung, Verletztwerden und Neuschaffen thematisiert.

 Zu der Suche nach Weiblichkeit gehört weiterhin die Auseinandersetzung mit Muttersein und Mütterlichkeit. Die weiblichen Figuren bei Angela Carter werden konfrontiert mit dem Anspruch, instinktiv für andere sorgen zu wollen, ohne dabei an sich selbst zu denken. Orientiert an dem Vorbild, das ihnen ihre Mütter oder Ersatzmütter vorleben, suchen sie diesen Aspekt von Frausein und Weiblichkeit in ihr Dasein zu integrieren, was mit Hoffnungen, Ängsten und Widerständen verbunden ist. Darüber hinaus demontiert Angela Carter den Mythos einer Großen Göttin als eine falsche Hinwegtröstung über krankmachende Lebensumstände, die das Ergebnis einer patriarchalen Gesellschaftsordnung und Kultur sind.

Mit ‚patriarchal’ sind in diesem Zusammenhang Strukturen gemeint, die Menschen nach Kategorien einteilen und vor allem bewerten und anhand dieser Kategorien (wie z.B. männlich und weiblich) die Freiheit des Einzelnen einzuschränken in der Lage sind. In patriarchalen Gesellschaften ist es möglich, daß Frauen als Tauschware gehandelt werden, ihnen ihre Stimme geraubt wird, sie sich selber physisch und sogar existentiell abhängig machen und machen lassen.

Gegenentwürfe gibt es viele, und einige werden auch in den Texten vorgestellt, wie zum Beispiel die matriarchale Wüstenstadt Beulah. Sie werden jedoch dahingehend hinterfragt, ob sie die Strukturen, die sie so radikal ablehnen, nicht in einer anderen Form aufrechterhalten. Auch hier gibt es Hierarchien, Gewalt und Unfreiheit. Angela Carters Gedanken scheinen sich jenseits von verstarrenden Utopien auf eine wache Selbstkritik und Individualität hinzubewegen.

            Bei der Beschäftigung mit einem Begriff wie ‚Weiblichkeit’ ist es notwendig, sich die Konstruiertheit eines solchen Begriffes und dessen, was er bezeichnet, immer wieder bewußt zu machen. Er löst die Frage nach einer ‚ursprünglichen’ oder jeder Frau irgendwie schon mitgegebenen ‚Weiblichkeit’ aus. Dabei ist die Idee von ‚Geschlecht’ einfach nur eines von vielen möglichen Denkmodellen, um das Verschiedensein von Menschen zu erklären. Will man sich auf Angela Carters Texte wirklich einlassen, so braucht es für einen Augenblick das Beiseitestellen der Annahme, es gebe ‚natürliche Gegebenheiten’. Dann eröffnet sich ein Blick darauf, wie Geschlechter konstruiert und verinnerlicht werden. Dann gelangt die Suche nach Weiblichkeit an einen Punkt, wo sie erkennt, daß sie nur finden kann, wenn sie nicht der Illusion einer ‚Weiblichkeit vor aller Weiblichkeit’ erliegt. Es bleibt die Frage, wie ein Mensch mit den Erwartungen umgeht, denen er begegnet, und diese Frage kann quälend sein, wenn er in einem Geflecht von Ich-, Du- und Wirbezogenheit zu einem Gleichgewicht gelangen will. Woher soll er wissen, was von innen, was von außen kommt?

            Dekonstruktion versucht durch genaues und aufmerksames Lesen von Texten herauszufinden, wie diese Sinn konstituieren. Sie hinterfragt allerdings nicht nur ihr ‚Objekt’, sondern auch sich selbst. Sie trennt nicht zwischen einem ihr etwa zur Verfügung stehenden überlegenen Standpunkt und dem zu untersuchenden Feld, vielmehr bewegt sich ihre Kritik innerhalb der Begrifflichkeit, die sie vorfindet, und verschiebt diese gleichsam. Sie betrachtet Strukturen von innen, um sie überwinden zu können. Dabei gelangt sie zu der Überzeugung, daß Zeichen nicht auf sich selbst verweisen, sondern sich in einem unabschließbaren Verweisungsprozeß aufeinander befinden, es also keinen Ursprung in dem Sinne gibt. Folglich wird auch die Selbstgewißheit des Subjekts in Frage gestellt. Sich dieser Gedanken bewußt werdend, ist das letzte Kapitel der Arbeit nicht mit ‚Schluß’, sondern mit ‚Ausleitung’ überschrieben. Vielleicht geht es viel weniger darum, Antworten zu präsentieren, als Fragen zu stellen und sich selbst den Fragen zu stellen.

 

Und vielleicht sind Judith Butler und Angela Carter und all die anderen in dem Garten „überflogen von Sternen, die Menschwerk sind, [...] zeltlos auch in diesem bisher ungeahnten Sinne und damit auf das Unheimlichste im Freien, mit [ihrem] Dasein zur Sprache [gehend], wirklichkeitswund und Wirklichkeit suchend“.

 

„So ist die Zeit vergangen.“

 

„Sie wäre sowieso vergangen.“

 

„Ja. Aber langsamer!“

 

Pause.

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