Beispielarbeiten

 

  ISLÄNDISCH - Vom Leben einer Sprache

 

1.   Beispiel eines alten isländischen Textes:

Sæmundur fró i fær Oddannn -

Eine Episode aus dem Leben des Gelehrten Sæmundur Sigfússon

(1056-1133), enthalten in den isländischen Volksmärchen

 

„Þegar Þeir Sæmundur, Kálfur of Hálfdán komu úr Svartaskóla, var Oddinn

laus, og bá u Þeir Þá allir kónginn a  veita sér hann. Kóngurinn vissi dável, vi 

hverja hann átti, og segir, a  sá Þeirra skuli hafa Oddann, sem fljótastur ver  i a

komast Þanga . Fer Þá Sæmundur undir eins og kallar á kölkska og segir: ‚Syntu

nú me  mig til Íslands, og ef Þú kemur mér Þar á land án Þess a  væta kjóllafi 

mitt í sjónum, Þá máttu eiga mig.‘ Kölski gekk a  Þessu, brá sér í selslíki og fór

me  Sæmund á bakinu. En á lei inni var Sæmundur alltaf a lesa í Saltaranum.

Voru Þeir eftir lítinn tíma komnir undir land á Íslandi. Þá slær Sæmundur

Saltaranum í hausinn á selnum, svo hann sökk, en Sæmundur fór í kaf og synti

til lands. Me  Þessu var  kölkski af kaupinu, en Sæmundur fékk Oddann.“

(zitiert nach Magnús Pétursson: Lehrbuch der isländischen Sprache.Hamburg:

³1992, S. 221.)HHa 

 

2.   Die Geschichte der isländischen Sprache

 

Die Wurzeln des Isländischen liegen im Protogermanischen, das sich aus dem Protoindergermanischen entwickelte. Ungefähr um 200 n.Chr. trennte sich dann das Protoskandinavische vom Protogermanischen. In der Periode von 500 bis 1000 n.Chr. spricht man vom Gemeinskandinavischen, von 1000 bis 1300 vom Altisländischen. Das Mittelisländische erstreckt sich von 1400 bis 1500, worauf das Neuisländische folgt.

Island wurde im 9. Jahrhundert von Norwegen aus besiedelt. Der erste dokumentierte, dauerhafte Siedler Islands ist Ingólfur Arnarson im Jahre 874. Die meisten Siedler kamen aus den westlichen Teilen Norwegens und die isländische Sprache ist auch den in diesen Gebieten gesprochenen norwegischen Dialekten sehr ähnlich. Die Siedler hatten aber von Anfang an eine eigenständige Kultur und gründeten gegen Ende der Landnahmezeit einen gemeinsamen Staat. Im Jahre 930 errichteten sie ihr Parlament, das AlÞingi (die Versammlung des ganzen Volkes), das die Gesetze aus der norwegischen Heimat der Landnehmer erweiterte und verbesserte.

Die erstaunlich reiche literarische Tätigkeit der Isländer läßt sich in folgende Gattungen unterteilen: die Poetische Edda, die Prosa-Edda, die Skaldendichtung, die Geschichten von Königen, die Isländersagas, Phantasieerzählungen, Annalen, Bischofssagas und Gelehrtenliteratur. Die eddische und die skaldische Dichtung unterscheiden sich hauptsächlich durch ihre Form, ihr Thema und ihre Überlieferung voneinander. Die ersten Skalden stammen aus dem 10. Jahrhundert, während die Sagas zwischen 1120 und 1250 entstanden sind. Als der bedeutendste Autor gilt Snorri Sturluson. Gleichzeitig brachten Gelehrte europäische Bildung nach Island und fixierten sie auch auf Isländisch. Die isländischen Gesetze wurden 1117/18 niedergeschrieben. Bedeutend für die moderne isländische Ortographie wurde das Erste Grammatische Traktat (ca. 1150).

Im Jahre 1262 geriet Island unter die norwegische Krone, 1380 kamen Island und Norwegen unter dänische Herrschaft. In dieser Periode wurde das Isländische zwar geschwächt und beeinflußt vom Norwegischen und Dänischen (sowie auch durch das Mittelniederdeutsche), aber die schriftsprachliche Tradition überlebte, weil das Schreiben nicht ausschließlich Aktivität des Klerus, sondern auch des Volkes war und nicht durch Behörden gefördert wurde. Im

16. Jahrhundert hielt die Reformation Einzug, 1550 wurde der letzte Bischof von Skálholt geköpft. In dieser Zeit entwickelten die Isländer ihre schriftsprachliche Tradition zu einer Standardsprache. Ihre geographische Isolierung, die eine dänische Kontrolle erschwerte, die intensive und vom ganzen Volk getragene Schrifttradition (fast alle Isländer konnten lesen und schreiben) und die konservative und vereinheitlichte gesprochene Sprache trugen zu dieser Entwicklung bei. Im 18. und 19. Jahrhundert kämpfte sich das Isländische vom dänischen Einfluß frei, was sich z.B. in der Rückkehr zur altisländischen Orthographie zeigte, die der realen Aussprache keineswegs entspricht.  Im Jahre 1918 erlangten die Isländer ihre Souveränität, wenn auch noch unter dänischer Flagge. Im 20. Jahrhundert wurde das Isländische vom Englischen beeinflußt, als britische und amerikanische Streitkräfte die Insel besetzten. Im Jahre 1944 wurde Island selbständige Republik.

Allgemein ist zu sagen, daß das moderne Isländisch in hohem Maße die Struktur und den Wortschatz des Altskandinavischen bewahrt hat, während die Aussprache v.a. der Vokale sich erheblich verändert hat. So haben heutige Isländer keine Probleme, altisländische Texte zu lesen und zu verstehen.  Einige Forscher behaupten, daß im Isländischen 57% der bekannten indogermanischen Wurzeln erhalten geblieben sind. Noch heute ist das Interesse der Isländer an ihrer Sprache ungebrochen, was sich z.B. in der großen Anzahl der Artikel in den Zeitungen ablesen läßt, die sich mit Sprachproblemen befassen. Nach wie vor sind die Isländer auch ein belesenes Volk: Im Jahre 1978 gab es 22,9 Buchveröffentlichungen pro 10 000 Einwohner (im Vergleich dazu in Schweden 10,8). Die Isländer sind sehr bemüht, ihre Sprache zu pflegen und zu erhalten. Dieser Purismus ist zum einen ein Schutz gegen fremdsprachliche Einflüsse, zum anderen ist er die Aufrechterhaltung der Verbindung zur Vergangenheit und die Behauptung der nationalen Integrität.

3.   Isländisch heute

3.1.        Sprachpolitik und Purismus

 

Für die praktische Umsetzung des isländischen Purismus ist der „Icelandic Language Council“ zuständig, der 1964 gegründet wurde und dem Erziehungsministerium unterstellt ist. Zu dieser Institution gehört das „Íslensk málstö /The Icelandic Language Institute“, das 1985 eröffnet wurde. Es hat zum einen die Aufgabe, für die Aufrechterhaltung der Grammatik und des Wortschatzes zu sorgen, zum anderen die Weiterentwicklung der Sprache zu fördern, damit sie neuen Anforderungen gewachsen ist. Diese Arbeit erfährt breite Zustimmung und Unterstützung von seiten der Bevölkerung, der ihre Sprache sehr am Herzen liegt. Eines der Hauptanliegen ist es, die Sprache von Fremdwörtern freizuhalten, womit auch die Schwierigkeit umgangen wird, fremde Wörter in das komplizierte System der Grammatik und der Orthographie zu integrieren. Trotzdem gibt es auch im Isländischen Lehnwörter, so z.B. das Wortbíll von dem Dänischen bil (abgekürzt für Automobil), oder auch banani, kaffi, tóbak etc. Gleichzeitig gibt es aber auch Ausdrücke, die aus der altisländischen Literatur stammen und bis heute lebendig geblieben sind, obwohl sich der kulturelle Kontext völlig geändert hat. „Jemanden überrumpeln“heißt z.B. auf Isländisch koma einhverhum í opna skjöldu, wörtlich übersetzt „auf jemanden zukommen von der Rückseite des Schildes her“.

 

3.2.        Neuwortbildung

 

Um neue Wörter im Isländischen zu bilden, bedienen sich die dortigen Sprachwissenschaftler (or asmi ir = Wortwerker, Wörterschmiede)  folgender fünf Methoden:

a)    Ein bekanntes isländisches Wort wird mit einem isländischen Ableitungsmorphem kombiniert, z.B. hljó (Laut) + -ungur àhljo ungur („Phonem“).

b)    Zwei isländische Lexeme werden zu einem Kompositum zusammengefügt: bíll (Auto) + skúr (Scheune) àbílskúr (Garage).

c)     Die Bedeutung eines Wortes wird erweitert: das Wort vél , das im Altisländischen nur „Trick, Blendwerk“ bedeutete, bezeichnet jetzt auch eine Maschine.

d)     Ein altisländisches Lexem wird mit neuer Bedeutung reaktiviert, z.B. altisländisch sima (Sehne, Draht) wird zu neuisländisch simi (Telefon).

e)    Schließlich gibt es noch das sogenannte „clipping“. Hierbei werden Teile fremdsprachiger Wörter, die sich der Struktur des Isländischen gut angleichen lassen, zu Kunstwörtern umgeformt. So kommt berkill  von dem deutschen Wort „Tuberkel“ , wobei –ill ein isländisches Agensmorphem ist, dísill von „Diesel“, kofti von „helicopter“, ratsjá von „radar“ (rata= den Weg finden, sjá = Sicht, Seher) Feneyjar von „Venezia“ (fen = Sumpf, Morast, ey = Insel, -ar = Pluralmorphem).

 

4.   Ein isländisches Backrezept:

Kleinur hringir

 

Rezept für 20 Stück

Man vermische ½ dl Sauermilch, 3 Eier und 100 gr Zucker.

Darunter rühre man ½ TL Salz, 2 TL Backpulver 100 gr Margarine, 1 EL geraspelte Zitronenschale und 500 gr gesiebtes Mehl.

Man knete diese Masse zu einem festen Teig und lasse sie diesen 15 Minuten gehen.

Den Teig rollt man auf einer bemehlten Fläche ca. 1 cm dick aus und sticht daraus Ringe von ca. 10cm Durchmesser aus, den inneren Ring kann man z.B. mit einem Schnapsglas ausstechen.

Dann erhitze man in einem Topf 500 gr Pflanzenfett und backe die Ringe goldbraun aus. Nachdem sie abgetropft sind, kann man sie in Zucker oder in folgende Soßen tauchen:

 

Karamelcreme

80 gr Zucker bräunen, 1 ½ dl Sahne und 4 EL Wasser dazugeben und aufkochen

 

Schokocreme

50 gr Blockschokolade schmelzen, 1dl Sahne untermischen, abkühlen lassen.

 

Dieses Rezept ist zu finden auf www.geysir.com.

 

5.   Bibliographie

 

Braunmüller, Kurt: Die skandinavischen Sprachen im Überblick. Tübingen, Basel: ²1999.

 

Groenke, Ulrich: Diachrone Perdurabilität, Sprachpflege und Sprachplanung: der Fall Isländisch. In: Language Reform. History and future. Hamburg, Bd. 2,

S. 137-155.

 

Groenke, Ulrich: Neologismen – eine Art Neoarchaismus? Anmerkungen zur isländischen Neuwortproduktion. In: Wege der Worte. Festschrift für Wolfgang Fleischhauer. Köln, Wien, S. 63-69.

 

Groenke, Ulrich: Vom Kunstwort zum Wort. Eine Besonderheit der isländischen Neuwortproduktion. In: Wege zur Universalienforschung. Tübingen, S. 287-291.

 

Haugen, Einar: Die skandinavischen Sprachen. Eine Einführung in ihre Geschichte. Autorisierte Übertragung aus dem Englischen von Magnús Pétursson. Hamburg: 1984.

 

Kristjánsson, Jónas: Eddas und Sagas. Die mittelalterliche Literatur Islands. Übertragen von Magnús Pétursson und Astrid von Nahl. Hamburg: 1994.

 

Pétursson, Magnús: Lehrbuch der Isländischen Sprache. Mit Übungen und Lösungen. Hamburg: ³1992.

 

Schutzbach, Werner: Island. Feuerinsel am Polarkreis. Bonn: 31985.

 

http://www.eldey.de/Geschichte/Ueberblick/body_ueberblick.html. (20.1.2003)

http://www.ismal.hi.is/malsten.html (20.1.2003)

http://www.ismal.hi.is/bibliogr.html (20.1.2003)

http://bella.mrn.stjr.is/utgafur/enska.pdf (20.1.2003)

http://www.geysir.com (20.1.2003)