Beispielarbeiten

 

Gesammelte Dummheiten

 

Über Flauberts Bouvard und Pécuchet

 

Inhaltsverzeichnis

 

1.      Einleitung ........................................................................................................................S. 3

 

2.      Die Verwandlung der Dinge ..........................................................................................S. 4

2.1.Abfall, Körper und Dinge...........................................................................................S. 4

2.2.Gesammelte Dinge und Semiophoren........................................................................S. 5

2.3.Ausgestellte Semiophoren - Das Museum..................................................................S. 6

2.4. Gesammeltes Wissen – Die Enzyklopädie................................................................S. 8

 

3.     Bouvard und Pécuchet .................................................................................................S. 10

3.1. Die Sammlung.........................................................................................................S. 10

3.2. Das Museum von Chavignolles...............................................................................S. 11

3.3.Die Anti-Enzyklopädie.............................................................................................S. 14

 

4. Schluß ..............................................................................................................................S. 16

 

5. Literaturverzeichnis ......................................................................................................S. 18

 

1.  Einleitung

„Es ist beim Sammeln das Entscheidende, daß der Gegenstand aus allen ursprünglichen Funktionen gelöst wird um in die denkbar engste Beziehung zu seinesgleichen zu treten. Diese ist der diametrale Gegensatz zum Nutzen und steht unter der merkwürdigen Kategorie der Vollständigkeit. Was soll diese ‚Vollständigkeit’ (?) Sie ist ein großartiger Versuch, das völlig Irrationale seines bloßen Vorhandenseins durch Einordnung in ein neues eigens geschaffenes historisches System, die Sammlung, zu überwinden. Und für den wahren Sammler wird in diesem Systeme jedwedes einzelne Ding zu einer Enzyklopädie aller Wissenschaft von dem Zeitalter, der Landschaft, der Industrie, dem Besitzer von dem es herstammt.“

Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert (1821-1880) war ein Mensch, der sich zeit seines Lebens mit dem Sammeln beschäftigt hat – und zwar mit dem Sammeln von ‚ausgesprochenen Dummheiten‘.

„ [...]da eine Dame zu Papa kommt, die uns immer Dummheiten erzählt, werde ich sie aufschreiben.“ , schreibt Flaubert mit neun Jahren.]

„Einstweilen ist mir ein alter Gedanke wieder in den Kopf gekommen, nämlich der meines Dictionnaire des idées reçues [...] Diese Apologie der menschlichen Gemeinheit in all ihren Zügen, ironisch und schreiend von Anfang bis Ende, voll von Zitaten und Beweisen (die das Gegenteil beweisen würden) und erschreckenden Texten (das wäre nicht schwierig), hätte, so würde ich sagen, zum Ziel, ein für allemal mit den Exzentritäten, welcher Art sie auch sein mögen, Schluß zu machen. [...] Man würde also darin in alphabetischer Reihenfolge über alle möglichen Gegenstände alles finden, was man in Gesellschaft sagen muß, um ein anständiger Mensch zu sein..“

 

Die Einträge aus dem genannten Dictionnaire des idées reçues finden sich in allen Werken Flauberts wieder, in Bouvard und Pécuchet aber nehmen sie den meisten, wenn nicht gar allen Raum ein und machen so das Buch zu einer „Anti-Enzyklopädie“. Beschrieben werden zwei Männer, die sich auf das Land zurückziehen und sich nacheinander durch sämtliche Wissensgebiete arbeiten, ohne dabei jedoch eine Methode oder eine kritische Distanz zu entwickeln. Enttäuscht von ihren Mißerfolgen, beginnen die beiden schließlich mit der Abschrift von allem, was ihnen unter die Feder gerät, mit der Abschrift also gewissermaßen jenes Dictionnaires des idées reçues.

            Im Folgenden soll nach einer Einführung in die Theorie des Sammelns, des Museums und der Enzyklopädie vor allem das vierte Kapitel von Flauberts Roman im Mittelpunkt stehen, in dem die beiden Protagonisten ein Museum in ihrem Haus einrichten. Hieran soll aufgezeigt werden, wie Flaubert vordergründig die Tätigkeit des Sammlers und die Institution des Museums parodisiert, damit aber zugleich auch Kritik übt an der gesamten bürgerlichen Kultur, ja sogar am Streben des menschlichen Geistes selbst. Immer stellt sich im Verlaufe der Ausführungen schließlich die Frage, inwieweit das Sammeln von Wissen(schaft/-schaften) mit dem Sammeln von materiellen Gegenständen verglichen werden kann.

 

 

2.  Die Verwandlung der Dinge

Ein Gegenstand, der von jemandem aufgehoben und in eine Reihe von anderen Gegenständen gestellt wird, verändert sich in seiner Bedeutung. Darum soll hier sein Weg vom Ausgangspunkt als Abfall oder Gebrauchsgegenstand bis zum wertvollen Sammelobjekt in einem Museum nachgezeichnet werden.

 

2.1. Abfall, Körper und Dinge

Zunächst ist es sinnvoll, die „sichtbaren Gegenstände“ mit Krzysztof Pomian einzuteilen in „Produkte der Natur einerseits – nennen wir sie Körper – und Werke der Menschen, Artefakte“andererseits. Die Artefakte teilen sich wiederum in drei Klassen auf: Abfall (funktionslose Gegenstände), Dinge (Gebrauchsgegenstände) und Semiophoren (Zeichenträger). Die Unterscheidung liegt also jeweils in der Funktion. ‚Abfall‘ steht in dieser Hierarchie auf der untersten Stufe, ehemalige Gebrauchsgegenstände, die nun ihre Funktion nicht mehr erfüllen können oder sollen, sei es, daß sie beschädigt worden sind, sei es, daß andere Gegenstände sie in ihrer Funktion abgelöst haben, oder ähnliches. Pomian nennt hier als Beispiel die „Überreste der Antike“. Diese „hatten jahrhundertelang den Charakter von Unrat [...] Doch nun erhalten sie einen Sinn, weil sie mit Texten aus der Antike in Beziehung gebracht werden können, die durch sie verständlich werden sollen“. Die ‚Körper‘ als Produkte der Natur können verschiedene Funktions- und Bedeutungswandel erfahren. Unter Umständen wird sie sich der Mensch zum Gebrauchsgegenstand machen, wie z.B. eine Muschel, die als Seifenhalter dient, oder er nutzt sie als Dekorations- oder Forschungsgegenstand (Steine, Pflanzen, ausgestopfte Tiere usw.). Die Artefakte schließlich sind Gegenstände, deren Wert einzig und allein in ihrem Nutzen liegt. Hierzu zählen z.B. Haushaltsgeräte und allerart Werkzeuge. In anderen Fällen besitzen sie aber durchaus auch einen ästhetischen Wert, man denke nur an Musikinstrumente, Schreibutensilien oder Geschirr. Sobald diese Artefakte nicht mehr von Nutzen sind, werden sie zu Abfall. Oder aber – und hier geschieht nun ein scheinbar unerklärlicher Wechsel – sie werden zu Bedeutungsträgern, Semiophoren.

2.2.  Gesammelte Dinge und Semiophoren

Pomian definiert den Begriff ‚Semiophoren‘ als „Gegenstände ohne Nützlichkeit [...], die das Unsichtbare repräsentieren, das heißt die mit einer Bedeutung versehen sind“.Er verdeutlicht das an Opfergaben bzw. Grabbeigaben, die eine Vermittlerrolle zwischen der Welt und dem Jenseits herstellen. Semiophoren stehen immer für etwas oder jemanden, das oder der räumlich oder zeitlich vom Betrachter entfernt ist. Sie bringen dieses Entfernte in die Nähe und machen es sichtbar und greifbar. Das können z.B. Tonscherben aus der Römerzeit oder Kokosnüsse aus Afrika sein. Der Mensch hat das Bedürfnis, Abstraktes anschaulich und Fremdes begreifbar zu machen. Darum sammelt er diese Gegenstände, stellt sie aus und erforscht sie.

             Pomian nennt auch die Bedingungen, die ein Gegenstand erfüllen muß, um einen solchen Wert zugesprochen zu bekommen. Es ist „erforderlich und hinreichend, daß dieser Gegenstand nützlich ist oder aber daß er mit Bedeutung versehen ist“. Dabei kann ein Gegenstand eine ganze Reihe von Veränderungen durchlaufen. Befindet er sich zunächst vielleicht in einer Privatsammlung, wird er später öffentlich zur Schau gestellt und zu anderen Gegenständen in Beziehung gesetzt. Es entsteht ein Diskurs über ihn und er wird eventuell zum Tauschobjekt. Träger seiner Bedeutung bleibt er jedoch nur solange, wie er Teil einer Sammlung bleibt.

            Schließlich bezeichnet Pomian die Semiophoren als „zweiseitige Gegenstände“. Ihre materielle Seite ist ihre äußere Beschaffenheit, während die „sichtbaren Merkmale [...] als Träger unsichtbarer Beziehungen“ ihre semiotische Seite bilden. Diese semiotische Seite gilt es für den Betrachter zu erfassen, wobei er von den oben genannten Veränderungen beeinflußt wird. Ein weiteres Merkmal, das ein Ding oder einen Gegenstand wertvoll sein läßt, ist seine Seltenheit. Es eignet sich als Tauschobjekt und leitet seinen Wert von seinem Material, dem Aufwand, mit dem es hergestellt wurde und seiner Geschichte her.

           

2.3.  Ausgestellte Semiophoren – das Museum

Sammlungen brauchen einen Ort, und dieser Ort einer Sammlung ist in vielen Fällen ein Museum. Zur Annäherung an diesen Begriff sollen zunächst einige seiner grundlegenden Aspekte vorgestellt werden. Das lateinische Wort `Museum` bedeutet `Ort für gelehrte Beschäftigung` und ist von dem griechischen Wort `museion`(Musensitz, Musentempel) abgeleitet. Es bezeichnet seit dem 18. Jahrhundert die „öffentliche Sammlung von künstlerischen und wissenschaftlichen Gegenständen und deren Gebäude“.Die wichtigsten Aufgaben eines Museums sind „das Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen, Informieren und Bilden“. Diethard Herles nennt in seinem Buch Das Museum und die Dinge folgende Kriterien, die ein Museum ausmachen: Es hat einen festen Standort, es ist im Besitz von originalen Objekten, die öffentlich zugänglich gemacht werden, unverkäuflich sind und sicher verwahrt werden. Eine Museumssammlung ist „a live organism, which in certain situations, when precisely defined subject-matter or related cultural and historical milieux are concerned, could play the role of a museum object, which viewed as a whole has the meaning and value of a document. In that case, the documentary values of the individual objects are accumulated together with the value of the collection as a whole”. Sehr schön wird der Besuch eines Museums in der Encyclopedia Britannica beschrieben, weswegen hier die Passage in ihrer ganzen Länge zitiert werden soll:

„When he [the visitor] arrives at the exhibit area he has chosen, he may pause to make sure he begins at a logical starting point so he will look at the displays in an orderly sequence. Then moving from one case or object to the next he examines, admires, compares, speculates. He reacts to what he sees with a sense of wonder, a stirring curiosity, a realization of enlightenment, or a feeling of aesthetic pleasure. He experiences the quiet enjoyment and satisfaction that come with acquiring a clearer understanding or a deeper appreciation. Or, of course, he may find his previous assumptions questioned, his complacency disturbed, or even his socioal conscience pricked as he observes the unbiased facts embodied in original objects. In either event he has a stimulating, enriching experience”.

Auch Pomian geht in seiner Theorie auf die Institution des Museums ein. Für ihn ist „das erste charakteristische Merkmal der Museen [...] ihre Permanenz“,d.h. daß das Museum eine relativ dauerhafte Einrichtung ist, da es nicht von einer Privatperson abhängt. Außerdem bestehe eine seiner Funktionen darin, einen Raum für den Kult der Nation zur Verfügung zu stellen. „Indem man Gegenstände in Museen bringt, stellt man sie nicht nur für den Blick der Gegenwart aus, sondern auch für den zukünftiger Generationen“

Es kristallisieren sich demnach folgende Aspekte des Museums heraus, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit von Bedeutung erscheinen:

  1. Das Museum ist der Ort, an dem Semiophoren gesammelt und aufbewahrt werden. Somit ist es gleichsam ein kulturelles Gedächtnis. Es verleiht Dingen Bedeutung, indem es sie für wert hält, ihnen einen Raum und einen Wert zuzugestehen. Dadurch be-wertet und interpretiert es zugleich die Bedeutung und die Geschichte, die an einen Gegenstand geknüpft sind.
  2. Das Museum setzt die von ihm gesammelten Semiophoren in Beziehung zueinander und schafft damit eine Ordnung aufgrund eines bestimmten Systems. Es bildet Serien von Semiophoren oder stellt ein Stück gerade dadurch heraus, in dem es ihm einen besonderen Platz außerhalb der anderen Serien zuweist. Auf diese Art und Weise visualisieren Museen Weltbilder.
  3. Mit der Institution des Museums untrennbar verbunden ist die Person des `Sammlers`, sowohl der Privatperson, die den Bestand des Museums durch Schenkungen o.ä. aufbaut, als auch der ‚professionellen Sammler’, also der Mitarbeiter des Museums, die für Beschaffung, Erhaltung und Ausstellung der Objekte zuständig sind. Interesse und Geschmack des Sammlers bestimmen maßgeblich das Aussehen der Sammlung.
  4. Nicht zu vernachlässigen ist auch der didaktische Aspekt eines Museums. Es erhebt den Anspruch, Eindrücke und Wissen vermitteln zu können. Dabei läßt es die Dinge nicht nur für sich selber sprechen, sondern versieht sie mit Erklärungen. Die Ordnung eines Museums nimmt Einfluß auf seinen Besucher.
  5. Auch der 'Katalog' spielt eine Rolle in diesem Zusammenhang, zumal er später bei Bouvard und Pécuchet wieder auftauchen wird. Es sind die Bemühungen, Wissen zu sammeln und damit einen vollständigen Überblick über die Welt zu gewinnen.

 

2.4.  Gesammeltes Wissen – die Enzyklopädie

Einen Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Museen und Enzyklopädien liefert die Encyclopedia Britannica: „A second trend, typified by Linnaeus and the French Encyclopaedists, was the strong movement to organize existing knowledge. Partly through the study of collections, many books were issued classifying and systematizing a wide variety of objects“.

            Im Sachwörterbuch der Literatur, herausgegeben von Gero von Wilpert, finden sich folgende Angaben unter dem Stichwort `Enzyklopädie`:

„Umfassende und übersichtliche Darstellung des gesamten theoretischen wie praktischen Wissensstoffes einer Zeit (Universal-E.) oder eines einzelnen Fachgebiets (Spezial-E.) in systematischem, d.h. nach Themenkreisen geordnetem Zusammenhang oder in alphabetischer Reihenfolge nach Stichwörtern, häufig aus philosophischer Betrachtungsweise. Im Gegensatz zu der in der Erforschung der Spezialgebiete fortschreitenden Wissenschaft dient die Enzyklopädie der Sicherung, Sammlung und Zusammenstellung gewonnener Teilergebnisse, gewissermaßen der geistigen Bestandsaufnahme und dem In-Bezug-Setzen der Einzelforschung zum Ganzen.“

Der Brockhaus weiß dazu zu sagen:

            „Die Enzyklopädie legt den Nachdruck auf die Zusammenfassung der von den Wissenschaften gewonnenen Erkenntnisse, auf ihren inneren Zusammenhang und auf ihre Ausrichtung auf einen größeren Benutzerkreis. Oft setzte sie es sich zum Ziel, die Bildung ihrer Zeit als innere Einheit darzustellen.“

            Parallel zu den Aspekten des Museums lassen sich hieraus folgende Schlüsse ziehen:

  1. Den Semiophoren, die in einem Museum gesammelt werden, entsprechen bei der Enzyklopädie die Wörter und Begriffe. Somit ist auch sie eine Art kulturelles Gedächtnis, die Bedeutungen und ihre Träger zusammenträgt und aufbewahrt. In der Auswahl der Stichwörter und in ihrer Erläuterung nimmt sie Bewertungen und Interpretationen vor.
  2. Die Enzyklopädie ordnet ihre Semiophoren nach einem bestimmten Prinzip und schafft damit Zusammenhänge und Systeme. Selbst die alphabetische Auflistung ist nur scheinbar neutral, tatsächlich entzieht sie sich der Konstruktion von Weltbildern ebenso wenig wie ein nach Themen geordnetes Lexikon.

3.     Auch die Enzyklopädie ist abhängig von `Sammlern`, in diesem Fall Vertreter der verschiedensten Wissenschaften, Linguisten und Verlage. So wie die Aufgaben der Mitarbeiter eines Museums „das Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen, Informieren und Bilden“ sind, so obliegt den Verfassern einer Enzyklopädie die

„Sicherung, Sammlung und Zusammenstellung“ ihres Stoffes, und dies ist immer ein subjektiver Prozeß.

  1. Didaktische Ziele sind natürlich auch bei den Enzyklopädien ein vorrangiges Moment. So schreibt das Sachwörterbuch der Literatur über die französische Enzyklopädie von 1751-1780, sie wolle „nicht nur ein popularisierendes Sammelwerk wissenschaftlichen Rüstzeugs, sondern zugleich Sprachrohr der französischen Aufklärung besonders auf religiösem, ethischem und politischem Gebiet“ sein. Durch seine Erläuterungen will ein solches Buch informieren, belehren und bilden.
  2. Unter dem Punkt `Katalog` kommen einander museale wie enzyklopädische Aspekte ganz nahe. Ein Museum ist immer auch eine Enzyklopädie, und eine Enzyklopädie ist immer auch ein Museum. So steht das Museums - Kapitel aus Bouvard und Pécuchet exemplarisch für den Entwurf des ganzen Romans.

 

4.   Schluß

„Sie ist ein großartiger Versuch, das völlig Irrationale seines bloßen Vorhandenseins durch Einordnung in ein neues eigens geschaffenes historisches System, die Sammlung, zu überwinden. Und für den wahren Sammler wird in diesem Systeme jedwedes einzelne Ding zu einer Enzyklopädie aller Wissenschaft“,so war am Beginn der vorliegenden Arbeit zu lesen. Und was ist geblieben? „Die Suche nach einer verbindlichen Wahrheit gestaltet sich für Bouvard und Pécuchet als lange Odyssee durch die verschiedenen Wissensbereiche, an deren Ende die Erkenntnis von der Unerreichbarkeit enzyklopädischen, aber auch spezifischen Wissens steht“.

                Das Sammeln verändert, wie wir gesehen haben, die Bedeutung von Gegenständen und setzt eine Transformation vom Abfall als unterster Stufe bis hin zu Semiophoren auf der höchsten Stufe in Gang. Die wesentliche Eigenschaft der Semiophoren ist, daß in ihnen Gegenstände mit Bedeutung versehen werden und dadurch Unsichtbares be-greifbar wird. Institutionalisiertes Sammeln bringt als Ort der Sammlung das Museum hervor, in dem kulturelle Ordnungen und Systeme visualisiert und tradiert werden. Ähnliches leisten auch Enzyklopädien, die Wissen sammeln, ordnen und bewerten.

            In Flauberts Roman Bouvard und Pécuchet kommen diese theoretischen Ansätze alle zum Tragen und werden gleichzeitig benutzt, um dieselben Theorien in Frage zu stellen und zu parodieren. Das vierte Kapitel, in dem das ‚Museum’ der beiden Freunde in Chavignolles beschrieben wird, zeigt diese Parodie exemplarisch für ein bestimmtes Gebiet, was aber auf alle anderen angesprochenen Wissenschaften und auf das Gesamtwerk überhaupt übertragen werden kann. Hier werden Dinge als Semiophoren ausgestellt, die an sich wenig Möglichkeiten bieten, sie mit wissenschaftlich ernstzunehmenden Bedeutungen zu füllen; zwei Menschen, die den Anspruch erheben, einen Überblick über das gesamte Wissen ihrer Zeit zu erstellen, bringen ihre Sammlung in keine sinnvolle Ordnung; somit werden auch ihre pädagogischen Bemühungen ins Lächerliche gezogen. Die Kritik an dem enzyklopädischen Ideal gipfelt in der Schlußszene von den beiden Schreibern, die unterschiedslos alles kopieren, ohne ein Auswahlprinzip oder ein Ordnungssystem zur Anwendung zu bringen. Es ist nicht möglich, zweifelsfreie Erkenntnisse zu gewinnen und diese zu einem sinnvollen Weltbild zusammenzusetzen. Auffallend dabei ist, daß die beiden Protagonisten selber dennoch nicht herabgesetzt werden; die Sympathie ist eindeutig auf ihrer Seite. So zeigt Flaubert zwar die Dummheit ihres Tuns und Denkens, behauptet gleichzeitig aber die Vergeblichkeit des menschlichen Strebens nach Verstehen, so daß am Ende eher Mitleid und Resignation als Verachtung stehen.

            Raymond Queneau zitiert in seinem Essay über Bouvard und Pécuchet (1947) Thibaudet, der sagt: „Man kann nicht über Bouvard sprechen, ohne etwas zu sagen, das bestimmt auch im Dictionnaireoder im Sottisier steht“. Diesem ‚Gemeinplatz’ der Flaubert-Forschung müssen wohl auch die vorliegenden Seiten sich unterwerfen, weswegen sie denn auch unter der Überschrift „Gesammelte Dummheiten“ daherkommen. Nicht zu vergessen, daß auch die Flaubert-Forschung ihm unterworfen ist usw. Und dann?

            „Ja, die Dummheit besteht darin, Schlußfolgerungen ziehen zu wollen. Wir sind ein Faden, und wir wollen das Gewebe kennen. [...] Welcher etwas überlegenere Geist, angefangen bei Homer, hätte Schlußfolgerungen gezogen? Begnügen wir uns mit dem Bild, das ist ebenso gut. Und dann, o armer Alter, gibt es nicht die Sonne [...], den Geruch gemähten Heus, die Schultern der Frauen von dreißig Jahren, das alte Buch vor dem Kamin und das chinesische Porzellan? Wenn alles tot ist, wird die Phantasie aus den Fasern des Holundermarks und den Scherben des Nachttopfs wieder neue Welten bauen. Ich bin sehr neugierig...“

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